Am 5. und 6. August 2017 findet das erste Mustang Makeover in Deutschland statt – nach dem Vorbild von vergleichbaren Events in den USA. 16 vormals wildlebende Mustangpferde aus den Vereinigten Staaten werden Trainern per Los zugeteilt und nach 90 Tagen Grundausbildung vor großem Publikum in Aachen auf dem CHIO-Gelände vorgestellt und anschließend versteigert.

Anders als in den USA ist dabei, dass die Pferde eine weite Anreise hinter sich bringen müssen und dass Europäer bislang kaum Bezug zu Mustangs haben. Ebenfalls anders ist, dass seitens der Veranstalter ausdrücklich ein Pro Pferd Event geplant ist und die Trainer entsprechend ausgesucht wurden. Zwar werden die deutschen Pferde-Trainer wie in den USA auch vor der Versteigerung in einem Wettbewerb bewertet, aber vor allem in Bezug auf Harmonie und nicht auf abgerichtete Fertigkeiten. Wie die Trainer dies in kurzer Zeit mit nahezu rohen Pferden bewerkstelligen, ist sicherlich von hohem Interesse für alle Pferdehalter und nicht nur für die, die am Ende mit den Mustangs nach Hause gehen wollen.

 

Heike von mustangpferde.de hatte ein paar Tage nach Ankunft der Mustangs Gelegenheit mit Silke Strussione, einer der Macherinnen vom Mustang Makeover Deutschland, zu sprechen.

mustangpferde.de: Zuerst die brennende Frage: Sind alle Mustangs wohlbehalten angekommen?

Silke Strussione: Um es vorweg zu nehmen: ja! Das freut uns sehr und nimmt uns die erste große Last von den Schultern. Auch wenn wir wegen einer Reifenpanne und Stau auf dem Weg zum Flughafen in Atlanta eine Menge unserer Nerven auf der Strecke lassen mussten, sind wir froh, dass unsere 15 Mustangs gut in Frankfurt angekommen sind und auch die Weiterreise zu den Trainern ohne Zwischenfälle geklappt hat.

wild lebende Mustangs

mustangpferde.de: Nun aber bitte doch von Anfang an: Wo stammen die Pferde her?

Silke Strussione: Im November 2015 wurden die bislang in Oregon wild lebenden Stuten vom Bureau of Land Management eingefangen. Das BLM kontrolliert die Bestände und muss Überpopulationen abfangen und die Vermehrung eindämmen, da die zur Verfügung stehenden Flächen die hohe Anzahl der Pferde nicht verkraften würde.

Die eingefangenen Pferde werden in Stationen gebracht, den sogenannten Holding Facilities.

In Mai 2016 waren wir selbst vor Ort und haben mehrere dieser Stationen besucht, u. a. auch die, aus welcher unsere Stuten stammen.

Wichtig zu wissen, ist, dass Hengste nach dem Einfangen in den Stationen direkt kastriert werden und die Pferde in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden. Die Ausläufe sind groß und die Pferde werden mit Raufutter und Wasser versorgt, sie können weiterhin in großen Herden zusammenleben, aber eine wirkliche Perspektive fehlt.

mustangpferde.de: Und wie ging es nach Eurem Besuch im Mai 2016 weiter?

Silke Strussione: Wir haben verschiedene Stationen angesprochen, nachdem klar war, dass wir das Mustang Makeover nach Deutschland holen werden, um die Pferde für unser Event auszuwählen. Letztendlich haben wir uns für die Auffangstation in Oregon entschieden, denn diese Pferde kommen aus einer sehr beliebten Herde, die für ihre Trainierbarkeit bekannt ist.

Im Januar 2017 hat unsere Trainerin 21 Mustangs zu sich auf die Ranch nach Georgia geholt, um sie auf den Import vorzubereiten.

Anders als andere Trainer, mit denen wir in der Vergangenheit bereits erfolgreich zusammen gearbeitet haben, hat Sandra Kapazität, diese hohe Anzahl von Pferden artegerecht aufzunehmen. Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet, denn sie hat ihren Job nicht nur hervorragend gemacht, sondern auch die offizielle Verantwortung für 21 Pferde übernommen, nachdem unser Antrag für den Kauf dieser Eventpferde in Washington eingereicht und zum Glück befürwortet wurde. Normalerweise kann eine Person nicht mehr als 4 Pferde auf einmal kaufen/adoptieren.

So aufreibend der Prozess auch war, so stimmt es uns dennoch froh, dass die bürokratische Hürde so hoch ist. So wird es Menschen mit fadenscheinigem Hintergrund schwer gemacht, mehrere Pferde gleichzeitig zu kaufen/adoptieren.

mustangpferde.de: Du sprichst von 21 Pferden, die Sandra aus der Station abgeholt hat. Aber es sind doch nur 15 in Deutschland angekommen. Was ist mit dem Rest?

Silke Strussione: Wir haben selbstverständlich mehr Pferde aus der Auffangstation geholt, als wir tatsächlich für das Event benötigten. Es war von vornherein klar, dass Pferde wegen Verletzung ausfallen könnten. Wir wussten auch, dass nicht alle 21 Pferde für den jetzigen Import weit genug trainiert werden konnten. Letztendlich war ein Pferd verletzt und vier einfach noch nicht so weit, um ausreisen zu können.

Wir sind sehr froh, dass unsere 15 Trainer jeweils ihr Pferd in Empfang nehmen konnten. Die beiden Ersatzpferde und ein Privatpferd mussten diesen Sonntag nachgeflogen werden. Bei ihnen gab es Probleme mit den Formalitäten.

Aber jetzt sind alle in Deutschland angekommen und eines der Pferde wurde einer weiteren Trainerin zu geteilt. Die zweite Mustangstute bleibt bei uns als Ersatzpferd stehen. Beide sind ebenfalls in Aachen zu sehen.

Die übrigen Pferde werden weitere zwei Monate ins Training gehen und finden dann bestimmt einen tollen Platz in Deutschland. Für zwei davon gibt es schon konkrete Anfragen.

mustangpferde.de: Auf den Videos auf Eurer Facebook-Seite und in Eurem YouTube-Kanal sieht man einerseits recht entspannte Verladeaktionen der einzelnen Trainer, anderseits aber auch Pferde, die teilweise Berührungen am Körper vom Menschen nur mit größter Skepsis dulden, eben genau so, wie man es von wild gefangenen Pferden vermuten würde. Wie passt das zusammen – einerseits gut zu verladen und anderseits sehr scheu?

Silke Strussione: Unsere Trainerin hat sich im Wesentlichen darum gekümmert, dass die Pferde im vertrauten Raum geführt und in verschiedene Trailer verladen werden konnten. So können wir sicherstellen, dass die Pferde einerseits möglichst stressfrei zu verladen sind, aber andererseits auch noch unverfälscht sind, so dass wir im August das Ergebnis der Arbeit unserer einzelnen, deutschen Trainer sehen werden.

Die Mustangs sind, wenn sie ohne Druck behandelt werden und erst einmal verstanden haben, dass ihnen keine Gefahr droht, erstaunlich gelassen und umgänglich. In unseren Augen sind es die anpassungsfähigsten Pferde, die sich sehr schnell dem Menschen anschließen. Aber zwischen Folgen und sich wie selbstverständlich und vielleicht sogar gerne anfassen lassen, liegen aus Sicht dieser Pferdes eben doch noch Welten.

In den letzten zwei Wochen hat unsere Trainerin viele Videos gemacht, wie sie fremde Menschen beim Führen der Pferde durch die Quarantänestation anleitet. Die Videos sind natürlich für uns toll, aber das Führen durch Fremde, die oft als Männer mit anderer Kleidung und anderem Bewegungsablauf so völlig anders waren als Sandra, ist insbesondere extrem wichtig für die Pferde gewesen, wie wir glauben. Mustangs schließen sich ihrem Menschen schnell an und fassen Vertrauen, aber während des Transportes nach Deutschland und auch in Deutschland werden sie schließlich den unterschiedlichsten Menschen begegnen, die sie führen. Alleine während des Fluges hatten wir vier Begleiter an Board, unter anderem unsere Teamkollegin und eine Tierärztin, die im Notfall den Pferden bei Stressreaktionen hätte helfen können. Wir waren uns aber sicher, dass die Mustangs das toll machen werden.

mustangpferde.de: Wie verlief die Ankunft?

Silke Strussione: Obwohl unsere Event Pferde sich während des ruhigen, gut 8-stündigen Flugs bereits die Bäuche mit Heu vollgestopft hatten, als wäre es das Normalste der Welt, waren sie in der Animal Lounge des Frankfurter Flughafens den ganzen Tag sehr angetan vom deutschen Heu und konnten sich gut ausruhen.

Während die Pferde also erstmal Pause machen konnten, hatten wir die Gelegenheit, uns mit den Trainern über die Arbeit mit Mustangs auszutauschen. Grundsätzlich haben wir zwar nur Trainer, die pro Pferd agieren, dennoch war es unser dringendes Anliegen, ihnen unsere Erfahrungen mit Mustangs mit zu geben: Es sehr wichtig, ohne Druck zu arbeiten und auf das Tempo des einzelnen Pferdes einzugehen. Dann entwickelt sich eine wunderbare Beziehung, die geprägt ist von Vertrauen und Harmonie.

mustangpferde.de: Und dann stand ja auch noch die Zuteilung der Pferde für die Trainer an?

Silke Strussione: Ja, ohnehin waren wir alle ganz ergriffen, so viele tolle Pferdemenschen exklusiv auf einem Haufen zu haben und natürlich auch, dass der Transport so glücklich geklappt hatte. Dann kam noch ein weiterer, extrem emotionaler Moment: die Verlosung.

Die Pferde wurden in drei Gruppen eingeteilt, so dass die kleinen Pferde kleinen Trainern zugelost wurden. Einige hatten sich schon in das ein oder andere Pferd verguckt und als das Los ihnen dann auch noch zufällig ihr Pferdchen zuteilte, sind sogar die ein oder anderen Freudentränen geflossen.

Im Anschluss haben wir uns unheimlich viel Zeit nehmen können, die Pferde für den Weitertransport zu ihren jeweiligen Trainern zu verladen, was völlig entspannt und stressfrei vonstattenging. Einziges Problem war das Rangieren der baulich unterschiedlichen Hänger.

An dieser Stelle möchten wir uns auch sehr bei den Mitarbeitern der Animal Lounge bedanken, ebenso wie bei der Crew der Lufthansa Frachtmaschine. Uns ist neben unheimlich viel Professionalität auch unheimlich viel Herz entgegengebracht worden.

mustangpferde.de: Ihr habt den Trainern auch ein paar ganz handfeste, praktische Tipps mitgegeben, oder?

Silke Strussione: Wir haben empfohlen, die Pferde erstmal mit Heu satt zu füttern. Gerade die dünnen Pferde sollten die Möglichkeit bekommen, ausreichend Raufutter zu sich zu nehmen. Selbst die etwas dünneren unserer Event Pferde werden in kurzer Zeit abholen und sich toll entwickeln. Wichtig ist gesundes Futter und genügend Bewegung, denn die Muskulatur muss sich bei allen Pferden aufbauen.

Für die ersten Tage haben wir unsere Trainer eindringlich gebeten, für eine sichere Unterkunft zu sorgen, zunächst also leider zumeist in einer Box oder Round Pen, da die Pferde keine Elektrozäune kennen. Nicht auszudenken, wenn ein Pferd, das sich nicht wieder einfangen lässt, frei herumläuft, womöglich im Straßenverkehr!

Ein paar der Trainer konnten ihr Pferd in einem sehr hoch umzäunten Round Pen unterbringen, das ist einerseits schöner als eine enge Box, birgt aber auch die Gefahr, längere Zeit zu benötigen, um das Pferd wieder einfangen. Wir haben empfohlen, die Stricke der Pferde die ersten zwei Tage dran zu lassen, um im Zweifel den Strick auch einfach greifen zu können. Sie wenigsten Pferde ließen sich so einfach am Kopf anfassen. So beängstigend das teilweise für uns aussehen mag, das Risiko ist sehr gering, dass sich die Pferde wegen des Stricks verletzen.

In den nächsten Tagen werden die Pferde alle in Pferdegesellschaft integriert, um ihnen so schnell wie möglich eine Herde zu bieten.

Videotagebücher der Trainer haben schon nach kürzester Zeit meist -zig tausende Klicks

mustangpferde.de: Hat die Öffentlichkeit bis zum Event Zugang zu Berichten der einzelnen Trainer?

Silke Strussione: Ja, die technischen Möglichkeiten sind heute echt überwältigend. Wir posten täglich Updates unserer Trainer in Form von Texten, Fotos und Videos auf Facebook und YouTube.

mustangpferde.de: Und wie reagiert die Öffentlichkeit auf diese Berichte?

Silke Strussione: Wir haben wahnsinnig viele Fans auf Facebook gewinnen können, die uns liken, teilen, Smileys und Daumen hoch posten, die Veranstaltung weiterempfehlen, uns persönlich per Telefon, E-Mail oder Privat-Nachricht kontaktieren. Besonders freuen wir uns über die vielen herzlichen Worte, die der gesamten Aktion, einzelnen Mustangs oder einzelnen Trainer ihren Zuspruch mitteilen. Sehr erfreulich finden wir auch die Kommentare, die erkennen lassen, dass sich einige fragen, ob sie überhaupt im Falle eines Kaufes dem Mustang überhaupt gerecht werden könnten, das finden wir sehr sympathisch.

Natürlich erhalten wir viele Fragen, aber auch teils nachvollziehbare Kritik, was uns erkennen lässt, dass wir in manchen Bereichen noch klarer kommunizieren müssen.

Großartig finden wir übrigens auch, dass die Fans sich mittlerweile die Fragen gegenseitig beantworten. Das zeigt uns, dass bereits viele Menschen hinter uns und den Mustangs stehen und sich auf das Mustang Makeover freuen.

Schade ist allerdings, dass es Personen/Gruppen gibt, die für meine Verhältnisse sehr subjektiv kommentieren und es dadurch zu Spannungen kommt. Gerne erklären wir jedem der Kritik hat, warum und wieso wir dieses Event machen, was die Hintergründe sind. Denn uns ist es so wichtig, dass alle unsere Mission verstehen. Wir sind für alle auch im persönlichen Gespräch offen und freuen uns über den Austausch.

mustangpferde.de: Wie genau definiert Ihr denn Eure Mission?

Ihr könnt ja nicht ernsthaft glauben, die Situation in den Holding Facilities, wo derzeit 47.000 Mustangs auf eine Adoption hoffen müssen, signifikant zu entschärfen? Selbst wenn Deutschland weltweit eines der wenigen Länder ist, wo zumindest bei Hunden die Vermittlung so gut läuft, dass massenweise Hunde aus Spanien und dem Ostblock vermittelt werden können.

Letztlich wird die Adoption eines wild geborenen Mustangs aufgrund des enormen hohen Aufwands und den damit verbundene Kosten immer Liebhaberei bleiben, oder?

Silke Strussione: Ich denke mit der Vermittlung von Hunden können wir den Mustang nicht vergleichen. Er ist Teil der amerikanischen Geschichte und eine wahre Legende.

Uns geht es um zwei Dinge und das ist uns besonders wichtig. Das erste ist natürlich, dass wir auf die Situation der Mustangs aufmerksam machen wollen und hoffen, dass wir viele Menschen für diese Rasse gewinnen können. Denn diese Pferde sind etwas ganz Besonderes und ganz anders als unsere domestizierten Pferde. Bereits heute haben vielen Mustangs durch uns in ein neues Zuhause gefunden.

Der zweite wichtige Punkt ist der Wissenstransfer in Deutschland zu den Themen Pferdeausbildung und Haltung. Es gibt immer noch so viele Pferde in unseren Reitställen nebenan, die tagtäglich missverstanden werden. Über die Trainervideos, die es ab jetzt regelmäßig auf Facebook gibt, möchten wir nochmal ganz deutlich einen Augenmerk setzen und Einblicke in das Training der Mustangs geben. Das Training ist natürlich auf alle anderen Rassen übertragbar. So schaffen wir eine Plattform, die es sich zur Aufgabe macht, all die Fragen über das Pferdetraining zu beantworten, in der Hoffnung, dass der ein oder andere Pferdebesitzer sich neue Ziele stecken wird. Wir wollen das unsichtbare Band zwischen Pferd und Reiter sichtbar machen, welches entsteht, wenn auf partnerschaftlicher Ebene über Vertrauen und Harmonie trainiert wird. Das sind auch die Wertungskriterien über die wir das Mustang Makeover werten werden. Wir schaffen eine Pro Pferd Veranstaltung, in der es endlich möglich ist, individuell auf die Pferde einzugehen. In Aachen gibt es zudem die Chance, jeden Trainer in Live Kursen kennenzulernen, Fragen zu stellen und bepackt mit theoretischen und praktischen Wissen nach Hause zu fahren. Unterstützen wird uns das Equimondi Experten Team, bekannt durch diverse Messen.

Zur Deiner Frage der Liebhaberei: Eines ist ganz sicher – die Adoption eines Mustangs ist keine Liebhaberei. Diese Pferde sind außergewöhnlich und jeder der etwas Besonderes sucht wird im Mustang einen Freund fürs Leben finden …

mustangpferde.de: Wow. Das möchte man ja so eigentlich als Schlusswort stehen lassen, aber wir sind auch neugierig: Wie geht es denn weiter für Euch?

Silke Strussione: Neben der erwähnten Öffentlichkeitsarbeit, den Berichten von den Trainern und dem ständigen Austausch mit ihnen und natürlich der Vorbereitung des eigentlichen Events, steht für uns im Moment im Vordergrund, die Rahmenbedingungen für die öffentliche Versteigerung zu schaffen. Wir bekommen immer mehr Anfragen von Interessenten. Fest steht heute schon, dass sich Interessente im Vorfeld gerne beraten lassen sollten, denn uns ist es wichtig, dass der Mustang in geeignete Hände kommt und die Rahmenbedingungen stimmen. Genaueres gibt es bald online.

mustangpferde.de: Liebe Silke, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview und dass Du Dir die Zeit dafür genommen hast.

Silke Strussione: Liebe Heike, vielen Dank für das positive Gespräch, wir sehen uns spätestens im August und sprechen uns vorher sicherlich noch für ein Update!